Frau K's Himbeerkuchen

March 7, 2019

 

Meine Himbeer-Pflanzen stammen von Frau K. 

An einem September-Nachmittag traf ich meine Nachbarin, als sie meine durch den Gartenzaun gewachsenen Himbeeren von der anderen Seite des Zaunes aus pflückte. Sie bat um Entschuldigung, weil sie meinte, ich hätte sie beim Diebstahl erwischt.

Aus der kleinen Pflanze, die sie mir, als sie ihren Garten auflösen musste, schenkte, war mittlerweile ein zehn mal einen Meter breites Himbeer-Beet geworden und ich ermunterte sie, ruhig regelmäßig die Beeren zu pflücken. So nahm sie mein Angebot an und fragte kauend, ob ich ihr den Wunsch erfüllen könnte, Himbeeren für ihren Geburtstagskuchen pflücken zu dürfen.

Wehmütig erzählte sie von ihrem verlorenen Garten, von all den köstlichen Kuchen der Vergangenheit und davon, dass sie bereits als Kind die Himbeeren der Ursprungs-Pflanze gegessen hatte.

Ihr Onkel und ihre Tante hatten auf der Flucht im zweiten Weltkrieg nichts anderes aus ihrem Haus mitgenommen als einen kleinen Koffer mit wenigen Habseligkeiten. 

Und in dem Koffer befand sich eine kleine Schachtel mit Erde aus ihrem Garten und eine in feuchtes Papier gewickelte Himbeerpflanze. In ihrem neuen Zuhause pflanzten sie den Setzling in die Heimaterde und zwei Jahre später aßen sie zum ersten Mal die Früchte.

Gerührt von der Geschichte schlug ich Frau K. vor, mit meinen Söhnen die Himbeeren für sie zu pflücken und ihr einen Tag vor ihrem 66.Geburtstag zu bringen.

Es war das letzte Mal, dass ich Frau K. sah.

Zwei Tage später, es war der Tag vor ihrem Geburtstag wurde sie vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht und verstarb kurz darauf.

 

 

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