Herrn B.'s Schrank

December 12, 2015

 

Auf dem Sperrmüll fand ich einen alten Schrank. Es kostete mich einige Kraft, ihn in mein Auto zu hieven. Noch schwieriger war es, ihn schließlich in meine Dachgeschoss-Wohnung zu bringen. Als es endlich geschafft war, ärgerte ich mich, dass ich den Schrank zuvor nicht ausgeräumt hatte. Und dann geschah folgendes:

Ich öffnete eine der beiden Schubladen und fand Fotos, alte Dokumente, Nähzeug, Büromaterialien, ein kleines blechernes Spielzeugauto, ein Püppchen, von Kindern gemalte Bilder, Todesanzeigen, Briefe und Postkarten, etwas Werkzeug und und und.

Ein ziemliches Durcheinander. Beim Durchsehen der Papiere stieß ich dann auf seinen Namen. Und ich war schwer ergriffen, in dem früheren Besitzer einen Mann wiedererkannt zu haben, der in meiner Kindheit und Jugend eine Rolle gespielt hatte. Dieser kleine, humpelnde Mann. Mit seinem dunklen Mantel, den er im Sommer genau so trug, wie im Winter. Der uns Kinder immer wegjagte und den wir zur Strafe umso mehr ärgerten.

 

Der uns, wenn wir ihn richtig wütend gemacht hatten temporeich und trotz Gehbehinderung verfolgte, bis wir uns für gewöhnlich auf dem Garagen-Dach in Sicherheit gebracht hatten.

 

Und ich hatte den Eindruck, dass in diesen beiden randvoll gefüllten Schubladen die Chronologie eines ganzen Lebens vor mir lag. Bis heute bleibt die Frage, ob es wirklich niemand Nahestehenden gab, dem seine Sachen so viel bedeuteten, wie mir heute.

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